Sommersonnenwende

Wenn heute unsere deutsche Jugend sich zur Sommersonnenwende zusammenfindet, wenn sie ihre Lieder singt und über das erlöschende Feuer springt, dann tut sie nichts anderes als das, was unsere Altvordern auch taten. Sie nimmt damit einen Brauch auf, der Jahrhunderte hindurch bestanden hat, wenn er sich auch im Volksbewußtsein nicht immer in der urtümlichen Bedeutung zu erhalten vermochte. Ja, wir haben gerade beim Brauchtum der Sommersonnenwende Gelegenheit, die Einflüsse zu verfolgen, die die christliche Kirche auf das vorhandene Brauchtum auszuüben vermochte.
Man darf annehmen, dass die Sonnenwendfeuer Allgemeingut der germanischen Völker und darüber hinaus auch aller indogermanischen Völker gewesen sind. Für sie bedeuteten Wendepunkte des Naturjahres zugleich Höhepunkte ihres kultischen Lebens. Sonnenwende war für sie eine hehre Gemeinschaftsfeier und zugleich höchste Offenbarung ihrer naturhaft-mythischen Göttervorstellung.
Die christliche Kirche sah sich naturgemäß vor die Aufgabe gestellt, das bisherige Brauchtum ihrer neuen Mitglieder irgendwie zu übernehmen. So können wir für fast alle christlichen Feste alte germanische Feiern zugrunde legen. In die Zeit der Sommersonnenwende aber legte man den Geburtstag Johannes des Täufers. So trat der christliche Johannes in Beziehung zur germanischen Sommersonnenwende, was zur Folge hatte, dass er zum Beschützer vor Wetterschäden und Seuchen wurde, und mancher Brauch zeugt heute noch, vor allem in dem nördlichen Rheinland, von dieser Tätigkeit. Die Sitte, einen Walnußzweig vor das Haus zu stecken oder auch einen Kranz aus Johanneskraut, ist sicher germanisch. Sie wurde später so ausgedeutet: Johannis flüchtete einst vor seinen Verfolgern in ein Haus mit einem Walnußzweig, sodass Johannis seinen Verfolgern entging. Das ist die christliche Legende, die die alte unmittelbare Vorstellung vertrieb.
Es ist bekannt, dass die Unterlegung der Sommersonnenwende durch den Johanniskult lange nicht Gemeingut wurde. Urkundlich wird der Johannistag noch Jahrhunderte als Mittsommer bezeichnet, ehe er sich im Volke festzusetzen vermochte. Aber, und das ist das Eigentümlich-Wunderbare, die Umstellung geschah, wie in vielen anderen, mehr äußerlich. Tief im Innern der Volksseele schlummernd blieben die alten Bräuche und Vorstellungen haften und ließen sich durch keine Bemühungen weder der Kirche noch des mittelalterlichen Staates vertreiben. Von Köln ist überliefert, dass Petrarca, der große italienische Dichter des Frühmittelalters, einst am Vorabend des Johannistages Frauen am Rhein beobachtete, wie sie Kräuter ins Wasser tauchten und dabei Sprüche hersagten. Er erfuhr, dass es sich um einen uralten Brauch handele, nach dem die Frauen eine Art Reinigung durchmachten und den Kräutern die ihnen nachgesagte heilende Kraft verleihen wollten.
So also behielt das Volk seinen Glauben an die Kraft und die geheimnisvolle Tiefe des Mittsommers, auch wenn die Sonnenwendfeuer zu Johannisfeuern wurden. Wie sich im einzelnen die Dinge, vor allem auch im Rheinland als dem Land, in dem die Bekehrung zuerst durchgeführt wurde, abgespielt haben, wissen wir noch nicht genau. Jedenfalls ist es eigenartig, dass beinahe das gesamte Rheinland heute, volkskundlich gesehen, kein Johannisfeuer mehr kennt, sondern diese verlegt hat auf andere Tage und Zeiten. Das nördliche Rheinland kennt das Osterfeuer, die Mitte bis hinunter zur Mosel das Martinsfeuer – wie überhaupt der Martinskult am Rhein außerordentlich stark verbreitet ist – und beinahe nur im Süden des Rheinlandes, in der Gegend zwischen Mosel und Nahe bis hinein ins Saarland hat sich das Johannisfeuer gehalten.
Das germanische Sonnenwendfeuer war ein Notfeuer, Notfeuer in doppeltem Sinne. Die Zeit der Ernte stand bevor und es galt, Witterungsschäden fernzuhalten.
Daher brachte man den Überirdischen ein Opfer dar, warf Gaben hinein, trieb das Vieh, es vor Seuchen zu bewahren, durch das Feuer hindurch und sprang schließlich selbst über die Flammen, da das Feuer der Sommersonnenwende reinigende und heilende Kraft besaß. Es war kein gewöhnliches Feuer, da es durch Reibung trockener Hölzer entzündet wurde. Der Prozess der Reibung ist auch in späteren Jahren erhalten geblieben und bis zur Wende des 20. Jahrhunderts wurde, etwa im Hannoverischen, das Feuer durch Reibung erzeugt. Im Althochdeutschen hieß es das Notfeuer „hnotfiur“, was mit „niuwan“, „nuan“ = reiben zusammenhängt, sodass Notfeuer überhaupt schon Reibefeuer heißt.
Selbstverständlich war das Notfeuer der Sommersonnenwende nicht das einzige, das gebrannt wurde. Bei jedem naturhaften Mißgeschick, bei Seuchen und bösen Krankheiten wurde es entzündet. Aber das der Sommersonnenwende hatte eben ganz besondere und geheime Kräfte. Die Asche dieses Feuers wurde sorgsam aufbewahrt als Mittel gegen Raupenfraß und Krankheiten in Haus und Hof und als Abwehr gegen Misswuchs. Noch heute wird die Asche den Schweinen ins Futter gemengt. Man geht auch wohl kaum fehl in der Annahme, dass das Aschenkreuz der katholischen Kirche, das am Aschermittwochmorgen verteilt wird, ins Christliche verwandelte Rudimente dieser alten germanischen Vorstellung enthält.
Das Außergewöhnliche des geheimnisvollen Johannistages, vor allem aber die Nacht, blieb und ist noch heute in vielen Sagen und Märchen von Schätzen und verzauberten Prinzessinnen, die nur in der Johannisnacht gehoben oder erlöst werden können, enthalten. In manchen Gegenden des Rheinlandes verbindet sich mit dem Johannistag noch der Heischegang und das Heischelied, das man sonst allgemein nur zur Fastnachtzeit kennt. Der Holzstoß des Feuers ist dann aus Scheiten zusammengesetzt, die die Kinder sammeln. Auch diesem Tun liegt ein tiefer Sinn zugrunde, dass nämlich jeder, der durch seine Holzspende zu einem großen und schönen Feuer beiträgt, teilnimmt an der von diesem Feuer ausgehenden reinigenden Kraft. Es werden Strohpuppen in die Glut geworfen, um allem Bösen noch einmal besonders den Zutritt zu sperren. Vom Sonnenwendfeuer wird vielerorten das neue Herdfeuer geholt, nachdem auf allen Herden im Dorf das Feuer gelöscht worden ist.
Das neue Feuer muss durchbrennen bis zum nächsten Jahr und hat den Herd, den Mittelpunkt des Hofes, vor Mißgeschick zu bewahren. Immer aber muss das Sonnenwendfeuer auf einer Anhöhe abgebrannt werden, damit es weithin über die Fluren leuchte und der Segen des Feuers sich nach allen Seiten verbreite. Erst dann, wenn man von einem Feuer aus auch andere sehen kann, ist das Land und seine Frucht ganz beschützt. Bäder und Quellengänge sind alte Reinigungsbräuche; Liebeszauber war von jeher mit der Mittsommernacht verbunden, und wer von den Jünglingen und Jungfrauen Hand in Hand durchs Feuer springt, der wird bald Hochzeit schließen. Zum mindesten aber wird einem Mädchen, das über die Glut springt, in dieser die Gestalt des Zukünftigen erscheinen. Auch die Hochzeit selbst wird, aus ganz natürlichen Berechnungen heraus, gern in die Mittsommerzeit gelegt, so wie es der Spruch auf einer alten Wiege sagt:
Ihr, die im Junius Hochzeit macht,
ihr lieben Brautleut habet acht:
so braucht ihr mich im Märzen,
das kommt von lieben und scherzen.
Wer wüsste nicht um die Kräfte jener Pflanzen, deren Blütezeit in den Mittsommer fällt, Johanniskraut und Kamille, Donnerbart und Donnerkraut und wie sie alle heißem! Ein Tränklein, das aus ihnen bereitet wird, hilft gegen vielerlei. Tanz und Spiel begleiten die Sommersonnenwende, und wo unsere Jugend die wenigen überlieferten Lieder und Melodien nicht mehr benutzt, macht sie sich neue.
Sommersonnenwende aber ist wieder das geworden, was es einst war: große und erhebende Gemeinschaftsfeier.
E. Heiß
