„In Zeiten, da man das Recht eines Volkes bricht, finden sich die Besten in den Kerkern“

Was sollte er viel erzählen? Schweigend in sich vergraben ertrug er sein Schicksal. Er saß wieder einmal vor seinen Büchern, die wenigen Stunden, die er daheim war. Wenn dann seine Mutter in das Zimmer trat und ihn leise in ihrer Art mit der Hand durch das Haar fuhr, als wäre er noch ein kleiner Junge. Immer wenn sie ihn heimlich beobachtete, wie er sich in seinen Gedanken versunken immer und immer wieder die gleiche Frage stellte, schaute sie sich ihn mit ihren ernsten Augen an.
Es war keine Klage, aber doch eine unsägliche Angst. Es hatte ihr niemand erzählt, sie ahnte es nur. Nein sie wusste es sicher, dass er einer dieser sogenannten Widerstandsgruppe ist, nach der die Polizei der Stadt schon so lang und eifrig forschte. Überall in den Nachrichten und in den Zeitungen konnte man es ja lesen, wie jugendliche Neonazis ihr schreckliches Unwesen trieben. Es sei oberste Pflicht der Behörden diesem Nazitreiben, wie sie schreiben, endlich ein Ende zu setzen. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass ihr Sohn kein schlechter Mensch war, und doch hatte sie noch jene tiefe eingewurzelte Scheu, vor allem was gegen das herrschende Gesetz war und mit Polizei und Gefängnis zu tun hatte.
Einmal als ihr die Sorge so tief in ihren Augen stand, sagte er ein paar Worte zu ihr, Worte, die sie tiefer nicht hätten treffen können. „ In Zeiten da man das Recht eines Volkes bricht, finden sich die besten in den Kerkern.“ Sie wusste was dies bedeutet, doch verstehen wird sie es wohl niemals. Indes wuchs die Angst um das Schicksal ihres Sohnes. Sie konnte es nicht verstehen wie ein junger Mensch in der Blüte seines Lebens bereit war, solch ein Schicksal auf sich zu nehmen.
Schon einmal durchdrangen sie solche Gefühle, schon einmal konnte sie Nächte lang nicht schlafen vor Angst und Zweifeln. Und nun spürte sie, dass auch ihr Sohn, den gleichen Blick wie der Vater in seinen stets so beruhigenden blauen Augen hatte, den gleichen tiefen und undurchdringbaren festen Blick. Sie spürte, dass sie schon wieder die gleiche Angst überfiel, wie damals als der Vater, ein systemkritischer Oppositioneller, verfolgt wurde und Jahre lang im Gefängnis saß.
Was wollte der Vater damals? Er sprach immer von Meinungsfreiheit und Selbstbestimmung. Damals wusste sie, was diese Worte bedeuten. Bekam sie es doch am eigenen Leib mit, wie sie ihren Mann verhaftet hatten, wie sie bespitzelt und von bis dahin guten Freunden denunziert wurden. Aber warum ihr Sohn und warum heute?
Sie verstand es nicht, denn heut war doch alles anders. Heute gab es doch so etwas nicht mehr. Aber warum spricht ihr Sohn auch heute, wie der Vater ständig von Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit. Warum hat sie auch heute wieder diese unerträgliche Angst, um ihren Sohn, wie auch schon damals um den Vater?
20 Jahre nachdem noch Hunderttausende auf die Straße gegangen sind um für Freiheit und Selbstbestimmung zu kämpfen, haben die Demokraten es geschafft ein in der Tradition des DDR – Regimes bestehenden Polizeistaat auf zu bauen, wo wieder bespitzelt, verfolgt und denunziert wird. Demokraten aller Parteien sind sich einig, wenn sie Gesetze schaffen und verändern, um die Meinungsfreiheit in diesem Land zu unterdrücken. Auch heute finden sich wieder junge aufrichtige Menschen die systemkritisch hinterfragen, sich ihr Recht nehmen für die Freiheit unseres Volkes zu kämpfen in den Kerkern dieses Systems wieder.
Sie verdienen unsere Unterstützung und unsere Solidarität. Denn das ist das einzige was sie uns nicht nehmen können, die Solidarität für unsere Gefangenen, für unsere Freunde.
Wir, die hier draußen den Widerstand gegen dieses System führen, dürfen diesen Widerstand nicht an den Mauern ihrer Kerker zerschellen lassen.
Es gilt die Fäuste zu ballen, die Mauern zu zerschlagen und diejenigen von uns, die in den Systemkerkern als politische Gefangene sitzen, zu zeigen, dass sie, wo immer sie auch sind zu uns gehören. Das sie auch da drin ein Teil unserer Widerstandsbewegung sind und immer bleiben werden. Drinnen wie Draußen eine Front gegen die Herrschenden dieses Systems.
