Die drei Einsamen – Teil II

...Zwischen der grausamen Beendigung der Auflösung eines Ersten Reiches der Deutschen durch Napoleon und der brutalen Vergewaltigung eines Zweiten Reiches der Deutschen durch die Diktatoren von Versailles, begab sich das nothafte und leidvolle Leben dieser drei Einsamen: Hölderlin und Kleist erlebten den Verrat Franz II. an der Krone; Nietzsche ahnte wohl jenes Geschehen, das zur Flucht Wilhelms II. vor der Krone führte.
Das Reich der Deutschen beruht auf einem Wunder, einem Geheimnis, einem Unaussprechlichen, beruht auf dem Mythus. Es ist das, was wir zutiefst empfinden, wenn wir das Wort vom „Reich“ aussprechen. Wir möchten hier Goethes Wort verwenden:
„Wenn ihr´s nicht fühlt, ihr werdet´s nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.“
„Behagen“; natürlich hier nicht im üblichen Sinne, sondern im Sinne der tiefsten Beseligung, Beglückung. Und so wird es auch von Hölderlin, Kleist und Nietzsche nie ausgesprochen, was eigentlich Das Reich sei. Darum antwortet Hermann in Kleists Drama auch dem abtrünnigen Aristan: „wo und wann Germanien sei“.
Wer nicht fühlt, was Deutschland ist, der ist aus der Gemeinschaft im Reiche auszuschließen. Und nachdem so viele edle Geister der Nation in ihren Dichtungen oder sonstigen Aufzeichnungen die Idee des Reiches der Deutschen durchklingen ließen, seitdem der Kampf Adolf Hitlers in Rede und Schrift das Dritte Reich offenbarte und uns Alfred Rosenberg den Mythus des Blutes kündete, mutet es geradezu lächerlich an, eine vollkommene Begriffsbestimmung des Wortes vom Reich zu versuchen.
Warum suchen wir uns nun in einem solchem Zusammenhang die Gestalten Hölderlins, Kleists und Nietzsches zu vergegenwärtigen? Es ist nicht angängig von „Vorläufern des Nationalsozialismus“ zu sprechen. Mit solchen Worten ist schon viel Verwirrung gestiftet worden. Die Tatsache des großen Flusses in der Geschichte kann nicht dahin umgedeutet werden, dass man zu jeder Idee und Bewegung Vorläufer, Hauptvertreter, Nachahmer und Nachfolger aussucht.
Für eine Idee und Bewegung gibt es Schöpfer, Vorkämpfer, Mitkämpfer und Mitläufer; was vorher und nachher war und wird, zeigt nur die Kette echter Tradition in der Geschichte. Wenn wir uns um ein Verstehen Hölderlins, Kleists und Nietzsches bemühen, so tun wir das in der Überzeugung, „dass wir im Verhältnis zur Vergangenheit getreten sind, dass wir den Blick frei bekommen haben für jenes Gewaltige in dieser Vergangenheit, das von der bürgerlichen Ideologie versteckt wurde, dass wir, mit einem Wort, neue Möglichkeiten gefunden haben, deutsches Wesen zu verstehen.“
