Die Drei Einsamen (Teil 1)

„Deutsche Politik ist in Zukunft ohne ein Element Hölderlin und Nietzsche undenkbar: von Deutschlands Jugend hängt die Zukunft Europas ab.“ (Alfred Baeumler)
Die drei großen Einsamen des Reiches sind es, von denen gekündet werden soll:
Hölderlin, Kleist und Nietzsche – sie haben eigentlich nie ein offenes Bekenntnis zum Reich der Deutschen ausgesprochen. Ja, Nietzsche, der soviel Armseligkeit, Verlogenheit und Niedrigkeit im Deutschland seiner Zeit erkannte, gebrauchte das Wort „Reich“ stets in einem verächtlichen Sinn. Und doch nennen wir diese drei gewaltigen Gestalten zu Beginn und am Ende des 19. Jahrhunderts „Die Einsamen des Reiches“, nennen sie Denker, Deuter und Dichter aus der „Leidenschaft um das Reich“.
Sie sind es, weil sie – fern und fremd den patriotischen Phrasen des liberalen Bürgertums – das tiefe, strenge, mächtige Reich erträumten (Hölderlin), ertrotzen wollten (Kleist) und beriefen (Nietzsche). Franz Servaes schreibt in seinem Werk über Kleists tragischen Untergang: „Wie Hölderlin, wie Nietzsche war Kleist im Grunde seines Wesens ein Fremdling in dieser Welt.“
Aber Servaes erklärt nicht die letzte Grundlage dieser Fremdheit; erst die leidenschaftlichen Kämpfer der deutschen Revolution konnten sie erahnen: Hölderlin, Kleist und Nietzsche standen im Gegensatz zum eigentlichen Pöbel ihres Jahrhunderts: zum Geld- und Spießbürger und zum neidisch geifernden Proleten – zu allen jenen, die mit verlogenen oder lebensfremden Doktrinen, mit Liberalismus, Marxismus und Demokratie, mit verödeter Kirchlichkeit und volksfremdem Konfessionsstreit, mit undeutschen Ideologien von Staat und Recht und Gesellschaft, mit wurzellosen Begriffen von Wissenschaft und Kunst ihre kleine händlerisch egoistische Glückseligkeit erschleichen wollten.
Kleist schied aus dem Leben zu jener Zeit, da das Heilige Römische Reich deutscher Nationen auch sein letztes Schein-Dasein aufgegeben hatte. Hölderlin verging in Umnachtung, als der Traum vom neuen Reich der Deutschen durch das kleinliche Geplänkel liberalen Bürgertums und demokratischer Gelehrtenwelt zum Gespött zu werden begann. Nietzsche stürmte zu übermenschlicher Größe und stürzte in das gespenstische Wesen des Wahnsinns, während das Bismarck-Reich zu äußerer Macht emporstieg, jedoch die politische Einigung der Deutschen durch eigennützige Wirtschaftsgesinnung, bombastischen Stammtisch-Patriotismus und kulturlose, stillose Prunksucht entwürdigt wurde und schließlich durch den aufkommenden Klassenneid und Klassenkampf jede Kraft und Bedeutung verlor.
So waren Hölderlin, Kleist und Nietzsche ihren Zeitgenossen fremd, ihrer Zeit voraus; sie waren (und das blieb auch die Tragik des Staatsmannes Stein und der Soldaten um Scharnhorst) besessen von einem Reichsgedanken, wie er durch Bismarck, Moltke und Roon im Zweiten Reich zwar eine zeitweilige Kraftprobe des rein Militärisch-Staatspolitischen fand, aber zur gleichen Zeit nicht die innere völkische Erfüllung und Mächtigkeit erreichte und darum zur Phrase verfälscht wurde (als Phrase von Nietzsche erkannt wurde).
Hölderlin, Kleist und Nietzsche – einsam in ihrer gewaltigen Schau – trugen in sich jene „Sehnsucht nach Verwendung eingeborener Schöpferkräfte“ und jenes „tätige seelische Leben“, die Alfred Rosenberg im „Mythus des 20. Jahrhunderts“ als typisch deutschen Antrieb zum Schaffen kennzeichnet.
So wird es die Tragik von Hölderlin, Kleist und Nietzsche: sie standen im Kampf mit jenem „Deutschland“, das in der „Götzen-Dämmerung“ „Europas Flachland“ genannt wird, im Kampf mit jener Zeit, in der – wie Nietzsche in der gleichen Schrift feststellt - „es immer mehr mit dem deutschen Ernste, der deutschen Tiefe, der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen abwärts geht“, im Kampf mit jenem Liberalismus , der schließlich zu seinen niedrigen Zwecken das Zweite Reich der Deutschen umzuprägen, auszumünzen verstand - aber sie standen noch nicht im Kampf um das Dritte Reich der Deutschen!
